Angela Suter

Das SCHREIBEN und ich

Das gebrochene Herz

Publiziert am 9. Mai 2017

Wenn ich mir in diesem Urlaub noch ein weiteres nacktes Sixpack während des Dolcefarnientes auf der Strandliege ansehen muss, gefolgt von „Ciao Bella“ und einem scharfen Pfiff, wird mir der Sinn für Erotisches endgültig entgleiten. Jenes aufregende, herzerwärmende, liebliche, subtile, nicht greifbare Gefühl, das bei mir ungeahnte Höhenflüge auslöst. Es ist Abend, und ich habe es mir auf der Gartenterrasse des Bungalows gemütlich gemacht. Die Zeitschrift auf meinen Oberschenkeln, die Füsse in bunten Socken auf dem Schemel, das Dessert in Form des Eiskaffees perlt bei den schwülen Abendtemperaturen bereits Tropfen auf den Becher. Mein Blick schweift zur Gabelung des Gehwegs. Und da, nur wenige Meter entfernt, trifft Er mich wie der Stromstoß eines Viehzauns, den ich mit elf Jahren aus purem Leichtsinn berührt hatte.

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Frühlingsgefühle

Herr Nachbar

Publiziert am 30. April 2017

Das Buckeln der vielen Kartonschachteln vom Auto bis in den Lift treibt mir Schweissperlen auf die Stirn, und ich wische sie mit dem Handrücken weg. Ich japse nach Luft, als die Fahrstuhltür auf meiner Etage zur Seite gleitet. Damit mir das schwere Metall nicht noch eine blaue Delle in den Ellenbogen rammt, schiebe ich mit dem Fuss vorsichtshalber einen Karton an die Kante des Fahrstuhls. Denn in den vergangenen Monaten habe ich die Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses schon fünfmal aufgesucht. Bei den diensthabenden Assistenzärzten bin ich mittlerweile als „Ungeschickte in Männerarbeiten“ zu zweifelhaftem Ruhm gelangt. Rücklings ziehe ich den Karton ins Treppenhaus, spüre, wie meine weite Leinenhose langsam nach unten rutscht, und höre ausgerechnet in diesem Moment Schritte.
„Frau Nachbarin, was haben Sie denn vor?“

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Die Kinderfrage: Best of für Kinderlose

Publiziert am 20. Juni 2016

Wissen Sie, mit der Kinderfrage ist das so eine Sache. In den Köpfen vieler Mitmenschen scheint fest verankert: Pärchen, verheiratet, in den Dreissigern, die müssen Kinder haben oder zumindest wollen. Dabei denken die Kinderfragesteller dummerweise auch wirklich keinen Zentimeter weiter über den engstirnig gezogenen Klischeezaun hinweg. Der Gedanke, kinderlos weil unfruchtbar, ist tief im Gehirn weggesperrt. Unabhängig davon, ob Sie nun keinen Nachwuchs wollen und überglücklich damit sind, oder Sie biologisch gesehen nicht dazu in der Lage sind und damit zu kämpfen haben, oder von der Natur einfach nicht den Segen bekommen und trotzdem ein erfülltes Leben führen- eins haben wir Kinderlose alle gemeinsam: Wir müssen uns ständig erklären. Die gute Nachricht vorweg, die Fragen und bissigen Kommentare werden weniger, mit der Zeit jedenfalls. Dies allein nur schon deshalb, weil Sie graue Haare und Falten bekommen werden. Die schlechte Nachricht, es gibt keinen brauchbaren Ratgeber in Buchform, wenn Sie noch nach der schlagfertigen Antwort suchen und Ihnen die Lust auf gesellschaftliche Anlässe vergangen ist, weil Sie immer mit diesem Thema konfrontiert werden. Auch werde ich Ihnen keinen Ratgeber schreiben, aber ein paar Gedankenanstösse und Anekdoten kann ich als „Trösterli“ liefern.

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Die Männerabrechnung

Publiziert am 19. Februar 2016

„Ich habe die erste Lebenshälfte wohl langsam hinter mir.“ Dieser Spruch liegt bei meinen fünfunddreissig in greifbarer Nähe und wirkt nicht mehr so arg befremdlich, wie noch in den Zwanzigern. Jeweils daran erinnert werde ich auch im Dezember, wenn ich meinem strikt festgelegten Ritual folge. Übers Jahr gesammelte Erinnerungsstücke verstaue ich in einer Box. Zwischen Tagebüchern, Postkarten, Bierdeckeln, Zuckertütchen, Quittungen und alten Liebesbriefen verschwindet ein weiteres gelebtes Jahr, und ich ertappe mich dieses Jahr dabei, wie ich völlig besessen in Erinnerungen schwelge. Mir wird bewusst, dass meine Box eine wahre Fundgrube an gebrochenen Herzen und Männerleichen beinhaltet. Und darum, aus gegebenem Anlass, sehe ich mich verpflichtet, eine Abrechnung zu erstellen.

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Hau drauf

Publiziert am 15. Dezember 2015

Neulich, Tatort Weiberabend, Sie wissen schon, schwerer Rotwein auf dem Tisch, schrilles Gekreische in der Gartenlaube, Witze über Männer, die nur Frauen zum Lachen bringen, ergo glücklich sein. Die bescheidene Mineralwassermenge zwischen dem Valpolicella drückte auf meine Blase, und ich huschte drinnen am Junior meiner Freundin vorbei. Gebannt starrte er auf die Glotze und bewunderte Shaquiri im roten Dress. Auf dem Rückweg brachte ich es nicht übers Herz, achtlos an ihm vorbeizuziehen. Er weiss, dass ich mir die Spiele der Nati gern anschaue, und so setzte ich mich zu ihm. Der Junge, eins dieser Traumkinder, um die man Gott als Eltern in seinen Gebeten anflehen sollte. Kennt „Grüezi, Danke vill Mal, Ade“, einfach grundanständig. Keins dieser AK’s, wie ich die Arschlochkinder abgekürzt beim Einkauf flüsternd anzische, wenn sie mir auf den Wecker gehen. Noch schlimmer, gegen mich rennen, mir die Zunge rausstrecken, oder einen hysterischen Dauerweinschreikrampf vor der Kasse zelebrieren, weil Mutter den Schokoladenkauf verweigert.

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Früher, Heute, Irgendwann

Publiziert am 29. Juli 2015

Mein Grösi, damals das Telegramm als Novum betrachtet und das erste Kurbeltelefon mit staunenden Augen bedient. Ich habe miterlebt, wie sie am endlos scheinenden Kabel vom Wandtelefon durch die bescheidene Stube getigert ist, dabei mit ihren Finken regelmässig über das Eselsohr des Teppichs gestolpert, und immer artig das Telefongespräch mit „Bhüäti Gott!“ beendet hat. Zur endgültigen Überforderung trieb ich sie mit dem Enkelinnen-Sicherheitskauf von einem Senioren-Natel. Sie wissen schon; Tasten so gross wie eine Traube, Kurzwahlspeicher und den peinlichen „Umhängeplämpel“ für den Hals. Kaum war ich zur Tür raus, hat sie die neue Errungenschaft dem ultimativen Härtetest unterzogen. Dem netten Polizisten erklärt, dass sie den Worten ihrer Enkelin keinen Glauben schenken kann, nun aber die Gewissheit hat, die Polizei sei auch wirklich am anderen Ende der Leitung, wenn sie die Eins drücke. Wie vorgesehen auf sich getragen hat sie das Ding nie, sondern brav am Schieber vom Kachelofen aufgehängt und auf Nachfrage erklärt: „Es soll ja nicht kaputtgehen.“

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